9.7.2013: Langfjordbotn – Nordkapp ( 3961km m.d.M. )

Top of Europe.

Top of Europe.

Wir haben es geschafft.

Als wir die Hütte gegen 11 Uhr verlassen, ziehen große, dunkle Wolken über die Ebene. In den nächsten Stunden geraten wir immer wieder in Regenphasen. Wir bleiben jedoch, im Vergleich mit dem gestrigen Tage, weitgehend trocken. In Alta, der letzten richtigen Stadt hier so hoch im Norden, kauft sich Basti eine neue Isomatte, die alte hatte sich ja schon vor zwei Tagen verabschiedet und auf mein Bereden hin gönnt er sich gottseidank etwas Gutes. Sein Rücken und sein Schlaf werden es ihm in den nächsten neun Tagen danken. Ich erstehe endlich neue Kopfhörer. Die langen Straßen in Schweden verlangen nach etwas Entertainment.

Als wir ein Hochplateau erreichen, wird es immer kälter. Plötzlich bremst ein Wohnmobil vor mir. Kaum zu glauben, aber eine Herde Rentiere rennt mitten über die Straße. Immer wieder sehen wir die faszinierenden Tiere nun am Wegesrand. Einmal überfährt Basti den armen Rudolph sogar fast, schafft es aber gerade noch geschickt auszuweichen.

Die Attraktion

Die Attraktion

Die Strecke zieht sich. Wo zunächst noch Birken stehen, weichen diese mehr und mehr einer kargen Mooslandschaft. Nur noch vereinzelnd Bäume, dann außer Steinen und Gräsern gar nichts mehr. Die Straßen sind fast leer, nur ab und an begegnen wir Caravans. Bis zum Horizont scheint der Asphalt zu reichen, dann eine Kurve, dann wieder soweit das Auge reicht. Langsam meldet sich meine Spritanzeige. Wo eben noch 90 Km Reichweite stand, stehen nun nur noch 21 und weit und breit keine Tankstelle in Sicht. Oje. Ich lasse den Boxer im sechsten Gang bei 70 Km/h rollen und kupple bergrunter immer wieder aus. Die Straße will und will nicht enden. Langsam überkommt mich etwas Panik. Selbst wenn Basti es noch bis zur nächsten Tanke schafft, würde es sicher lange dauern, bis er mit einem Kanister wieder hier ist. Derweil würde ich hier mitten im Nirgendwo auf sonstwieviel Metern Höhe zwischen riesigen Hirschen stehen. Also hoffen.

Wenige Minuten später immer noch kein Aufatmen. Die Anzeige zeigt noch genau 1 KM Reichweite an. Dann ist der Tank leer….

Zumindest sagt das mein Bordcomputer. 0 KM Reichweite. Aber die GS kämpft und kämpft, als wüsste sie, dass ich mich in diesen Minuten auf sie verlassen muss. Sie fährt noch über 15 Kilometer weiter, bis endlich, endlich eine Statoil Reklame in mein Sichtfeld rückt. Ich muss den Tank beim letzten Mal nicht ganz vollgefüllt haben, dass er so früh schlapp macht. Mehr als erleichtert machen wir uns fertig für die Weiterfahrt, als ein Bus voller Rentner aus Österreich neben uns hält. Wir scheinen eine Art Touristenattraktion zu sein, denn was nun folgt, sind zig Smalltalks mit neugieren Pensionären. Sie fragen, woher wir kämen, ob wir wirklich mit dem Motorrad hergekommen seien und dann auch nur mit Zelten bepackt?! Dann werden noch Erinnerungsfotos mit uns geschossen. Ich bin etwas perplex.

Am Ende der E6 biegen wir ab. Das Schild sagt „Nordkapp“ an. Es sind noch über 100 KM auf dieser einen Küstenstraße, bevor wir das „end of the road“ erreichen. Ich hätte von nun an mit Bussen en mass und unzähligen Wohnmobilen gerechnet, aber letztlich bleiben wir meist allein auf der Strecke. Es ist eine schöne Fahrt so kurz vorm Ziel, eine würdige letzte Etappe vor dem Kapp. Langgezogene Kurven durch die Mondlandschaften, vorbei am Wasser und hinauf auf hohe Felsen. Dann der legendäre Nordkapptunnel. Auf den sieben Kilometern geht es von Beginn an steil bergab. Man hat das Gefühl, man führe vom Himmel durch die Welt zur Hölle, als wolle einen das dunkle Rattenloch direkt verschlucken. Nach vier Kilometern dann der Aufstieg.

Wir passieren das letzte Örtchen in der Komune Nordkapp und gelangen gegen 16:30 Uhr endlich an den wichtigsten Punkt unserer Reise. Als ich die große Kugel über der Nordkaphalle sehe, dröhnt ein Freudenschrei aus dem Visier. Ich hupe reiße die Arme nach oben. Geschafft. Endlich da.

Normalerweise ist hier nichts als Nebel...

Normalerweise ist hier nichts als Nebel…

75 Tage Nacht und 75 Tage Sonnenschein – am Stück. Es ist ein extremer Ort und die meisten Tage im Jahr ist er in völligen Nebel getaucht. Wir haben tatsächlich Glück. Es klart auf und es bietet sich uns ein beeindruckender Anblick, der mehr an eine gemalte Leinwand aus Licht, Wolken und Himmel erinnert als an einen echten Horizont.

Nachdem wir die Halle durchschritten haben, brauche ich erst einmal eine Pause. Schon seit den Morgenstunden habe ich ein fürchterliches Stechen in der rechten Seite. Ich weiß nicht woher, aber das Laufen fällt mir ziemlich schwer. Wahrscheinlich etwas eingeklemmt im engen Hüttenbett.

Am Ziel!

Am Ziel!

Es geht hinaus durch die hinteren Türen. Hier steht das Wahrzeichen des Kapps. Hier steht die Weltkugel direkt an der Klippe am nördlichsten Punkt Europas. Hiernach kommt lange nichts mehr, von der Bäreninsel mal abgesehen. Viel, viel Wasser und dann irgendwann ewiges Eis. Hier ist der Scheitelpunkt unserer Reise. Die Tour macht eine Wende, um sich morgen mit voller Kraft vom Beckenrand abzustoßen.

Auf dem Sockel der Weltkugel jubeln wir wie Rocky, wenn er die Stufen in Phiadelphia erklimmt.

Gulasch am Nordkapp.

Gulasch am Nordkapp.

Später schlagen wie die Zelte direkt am Felsen auf. Ich habe darauf bestanden hier zu zelten, da ich die Magie dieses Ortes unbedingt auskosten möchte. Es gibt heute Gulasch, lange hat es nicht mehr so gut geschmeckt. Nach dem Essen gehen wir erneut in die Halle. Im Keller läuft neben der Ausstellung ein Film über diesen Platz am Kopf von Norwegen. Danach setzen wir uns kurz in mein Zelt und stoßen auf den Tag an. Für eine kleine Flasche Sekt war gerade noch Platz im Budget. Eigentlich wollte ich mir die Mitternachtssonne von hier ansehen, doch in dem Moment, als wir das Zelt verlassen, hat sich die Welt um uns herum wieder einmal völlig verändert. Tiefster Nebel schwebt überall. Man kann die Hand kaum vor Augen sehen. Es bleibt nur der Weg in den Schlafsack. Ab morgen fahren wir Richtung Süden. Es geht nach Hause.

2013-07-09 20.07.43

Eine Nacht am Kapp.

10 Antworten auf 9.7.2013: Langfjordbotn – Nordkapp ( 3961km m.d.M. )

  • congrats jungs, hauptsache die bayrischen packen den weg zurück,nicht das captain_ass noch die Service-Dero anschmeißen muss!!!!!

    @schokobär, hack nicht immer so auf vanillabär rum, ohne Bier wird er halt zur Diva 😀 😉 !!!!!!

    • Das bier hier ist vor mir nicht sicher. Gestern gab es 3 dosen zu einem erschwinglichen preis. 10 € in finnland. Passt….. geht mir wieder besser. Nächsten freitag hast du hoffentlich ’ne kanne kalt 😉

  • Hallo Bears,
    Congratulations auch von Maria und mir zur Erreichung Eures Ziels.
    Genießt den Augenblick und bleibt konzentriert auf der Heimfahrt.

    Maria & Hubertus

    • Vielen lieben dank ihr beiden…wir denken an euch zu hause und fahren nun der sonnr entgegen!! Freu dich auf dein mitbringsel 😉

  • Glückwunsch !!!

    • Danke!!! Und Ktm meinte, wir schaffens nicht…. 😉

      Komisches gefuehl jetzt… Aber die freude auf zu hause kommt langsam durch.

  • Krass! Gratulation Bears!!!

    Coole Nummer, Gulasch am Nordkapp, es kann wohl kaum was besseres geben :).

    • …. Yeah – gulasch ohne nordkapp is doch ne halbe pommes! alles gut soweit in hildeshome?? wolltest mir noch n datevorschlag schicken…

  • Bears – chapeau! Ich freue mich für euch, dass ihr euer Ziel erreicht habt. Ich bin schon dabei Pläne für das kommende Jahr zu schmieden 🙂

    Gute Fahrt zurück!

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