8.7.2013 ( Skibotn – Langfjordbotn ( 3644 km m.d.M. )

...one more rainy day.

…one more rainy day.

Endlich mal wieder ausschlafen. Da wir heute weder Fähre noch Walkutter bekommen mussten, lagen wir bis 9 Uhr in der Koje. Eigentlich wollten wir nun in Ruhe einpacken, frühstücken und dann ab auf die Bikes. Die Tour wollte uns heute aber anscheinend noch einmal so richtig auf die Probe stellen. Es hörte zunächst nicht auf zu regnen. Zum Glück waren wir heute auf einem Campingplatz. Wir saßen also fast zwei Stunden in einer überdachten Küche und schauten aus dem Fenster, während der Kaffee kochte. Irgendwann wurde es dann Zeit und wir mussten unser Equipment im Nieselregen schnell in den Koffern und Packrollen verstauen. Das Nass von oben verteilte sich schnell auf allen Gegenständen, aber da es am Horizont weiter hinten relativ hell wurde, waren wir guter Dinge. Überhaupt hat uns dieses ausgedehnte „Frühstück“ beiden sehr gut getan. Die Stimmung hat ihren Tiefpunkt wieder verlassen und eine neue Euphorie macht sich breit. Der Tour gefiel das anscheinend überhaupt nicht, denn was daraufhin folgte, kann man getrost als schwarzen Tag im Bikerdasein beschreiben.

Wer ist eigentlich Regen?

Wer ist eigentlich Regen?

14:15 Uhr: Es regnet seit über 100 Kilometern. Immer wieder denke ich, das Gröbste haben wir hinter uns, da zieht der Regen noch einmal an. Der Wind ist teilweise so stark, dass das Motorrad fast schräg steht. Kalte Gischt peitscht mir von den entgegenkommenden LKWs an den Anzug. Wir halten an und ziehen die Stormchaser über. Voll in Plastik eingewickelt, setzen wir die Fahrt fort. Wir fahren die E6 entlang, passieren Fjorde und Tunnel. Unser Tagesziel ist Alta. Die Landschaft hat sich wieder enorm verändert. Immer mehr Birkenbäume tauchen am Straßenrand und auf den weiten Wiesen auf, oftmals bereits abgeknickt. Es wird karger, die Tour fiebert ihrem Höhepunkt entgegen.

Weitere zwei Stunden später sind die Schuhe durchgeweicht, trotz Goretex und allem. Das Wasser kriecht in alle Ritzen, das Visier beginnt immer wieder zu beschlagen. Ich muss zugeben, dass ich mir von Basti manchmal etwas mehr Abenteuerlust wünsche, doch vielleicht macht gerade dieser ewige Diskussionspunkt zwischen uns die Gemeinschaft aus. Immerhin sind wir nun seit 13 Tagen ununterbrochen zusammen. Nach über 200 Km vollster Dröhnung aus den Wolken fährt er rechts an und bestimmt, dass wir uns eine Hütte suchen. Ich hätte wahrscheinlich zum Zelten tendiert, was retrospektiv eine dumme Idee gewesen wäre. Wir sind nass bis auf die Haut – vor allem die Füße schwimmen in den Stiefeln. Kurzer Hand werden ein Grill gekauft, Fleisch geordert und ein paar Bier an den Start geholt.

Post ist da!!

Post ist da!!

Wir steuern die nächste Hütte an. An der Rezeption klebt ein Zettel, wir sollen eine Nummer anrufen. Wenig später stellt sich heraus, dass die Vacation unser Budget maßlos sprengt. Wir sind ja gewohnt, dass alles hier (sau-)teuer ist, aber 120 Eur für eine Nacht in einer Hütte befinden wir letztlich doch als etwas exorbitant. Also weiter. In Langfjordbotn fahren wir die nächste „Hytte“ an. Ein absolut ranziger Schuppen. Im Mülleimer liegen Damenbinden, der Kühlschrank hat scheinbar mehr Gattungen aufzuweisen als der Hannover Zoo und die Bettwäsche sieht nach Obdachlosenauffangstation aus. Egal, es ist trocken. Einzig witzig finde ich, wie lieb ich auch inzwischen mein Zelt gewonnen habe. Selbst Basti würde seins der Hütte vorziehen, und das will mal was heißen!

So, ich muss weg vom Notebook. Der Grill brennt bereits, das Bier ist offen. Morgen geht’s zum Kap. Ich kann es kaum noch erwarten.

Das Kap zum Greifen nah...

Das Kap zum Greifen nah…

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7.7.2013: Stö – Skibotn ( 3437 km m.d.M. )

bye bye Lofoten...

bye bye Lofoten…

 

Auf dem Dampfer gen Festland!

Auf dem Dampfer gen Festland!

Es war schon eine große Enttäuschung als wir vor dem Büro der „Arctic Whale Tours“ standen und uns eine Dame der Crew mitteilte, heute würde aufgrund des starken Wellengangs kein Schiff rausgehen. Tatsächlich gestaltete sich die Nacht als ziemlich rau. Der Wind zog tierisch an und fühlte sich im Zelt wie ein kleiner Orkan an. Dazu gesellten sich Regenschübe, die heftigst gegen das Tarp peitschten.Teilweise bin ich nachts aufgewacht und habe die Stangen von innen zurückgedrückt, da das Außengestell das gesamte Zelt nach innen verformte. Gegen 7:00 Uhr dachte ich, wir müssten im vollen Regen abbauen, um den Walkutter rechtzeitig zu erreichen. Pünktlich um 7:32 Uhr machte der Schauer eine Pause. Jetzt hieß es: schnell handeln. Sogar die Sonne schaute minutenlang zwischen den Wolken hervor.

Den Rest der Geschichte kennt ihr ja bereits. Wir haben daraufhin etwa 2-3 Stunden die Lofoten gen Norden durchquert bis zum Hafenort Andenes. Auch hier werden Walsafaris angeboten – jedoch nicht heute. Windstärke 7 heißt es. Selbst wenn wir mit dem großen Katamaran rausfahren würden, wären die Wellenberge wahrscheinlich so hoch, dass man kaum etwas von den Meeresgiganten sehen könnte. Was sich die Tour nur dabei gedacht hat? Ich vertraue weiterhin auf ihre Intuition.

schnell ein Essen für uns zwei.

schnell ein Essen für uns zwei.

Beim Suchen der Fähre kommt Frust auf. Wahrscheinlich eine Mischung aus Entäuschung über die geplatzte Safari, den wieder einsetzenden Regen und letztlich die addierten Strapazen der letzten 11 Tage. Ja, elf Tage ist es bereits her. Und bis auf die Besteigung des Kjerags haben wir im Schnitt jeden Tag zwischen 8 und 10 Stunden auf dem Motorrad verbracht. Neben dem Zelt ist mein Bike gerade mein einziges Zuhause und ich freue mich jedes Mal, wenn ich von der Fähre komme und wieder aufsteigen darf. Es tut gut, nach dem Aufstehen, Abbau und Kaffee endlich wieder auf der Straße zu sein, Kilometer zu reißen, verschiedene Gerüche im Wald oder an der Küste einzuatmen und die Temperaturschwankungen zwischen 0 und 2500 Metern direkt zu erfahren. Ich denke, mein Bike braucht einen Namen – muss mir nur noch einen guten überlegen. „Lucy“ ist leider schon besetzt..

Wieder auf norwegischem Festland machen wir zunächst Rast für eine Mittagspause. Auch hier in den Bergen herrscht ein enormer Wind und der Benzinkocher hat Mühe, das Wasser zum Blubbern zu bringen. Wir fahren die 86 in Richtung Westen. Die Straße wird immer schlechter. Grober Asphalt, der von Schlaglöchern gezeichnet ist, wechselt sich mit Schotterpassagen ab. Ein Freudenfest für unsere Heidis. Das Highlight des Tages war ein Hotdog an einer Tanke für sage und schreibe 10 (!!) NOK, das sind ungefähr 1,50 Euro. Ein echtes Schnäppchen in einem Land, in dem ein Hamburger sonst 15-20 Euro kostet.

Eine ganze Weile später landen wir auf der E6. Sie wird uns die nächsten beiden Tage nach Alta und dann zum Kap bringen. Das Nordkap. Mittwoch wollen wir es schaffen. Noch zwei Tage bis zum Ziel.

Zelte stehen... zum ersten Mal gibt´s echten Mückenalarm!

Zelte stehen… zum ersten Mal gibt´s echten Mückenalarm!

 

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6.7.2013: Geitvagen – Stö ( 3073 km m.d.M. )

...ganz schöner Seegang.

…ganz schöner Seegang.

Ein wenig Hetze kommt auf, da wir die Fähre unbedingt bekommen müssen und sich der Abbau des Camps manchmal etwas hinzieht. Pünktlich um 9 Uhr stehen wir am Anleger in Bodö und ordern Tickets für die Überfahrt nach Moskenes. Wir lernen, wie so oft, einige andere Motorradfahrer, dieses Mal aus Italien und den Niederlanden kennen, die auch auf die Lofoten übersetzen wollen. Im Bauch des Schiffes werden die Bikes ordentlich verzurrt, dies geschieht über besonders dicke Gurte, die die BMWs tief ins Fahrwerk drücken. Oben auf der Fähre gibt es Tische und gemütliche Stühle. Wir schnappen uns eine Sitzgruppe nahe des Bordrestaurants, packen den zuvor gekochten Tee und etwas zu lesen aus.

Als wir das offene Meer erreichen, wird klar, warum die Motorräder solch sicheren Halt benötigen. Der Seegang ist relativ heftig und Geschirr und Menschen stolpern durch die Gänge. Es dauert nicht lange, da wird uns beiden gehörig schlecht und wir suchen das Sonnendeck auf, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Draußen riecht es gewaltig nach Diesel, aber es ist halbwegs warm. Einige Zeit später lässt sich sogar die Sonne blicken.

Meine treue Begleiterin. Best Bike in the World :)

Meine treue Begleiterin. Best Bike in the World :)

Die Überfahrt dauert ganze vier Stunden und wir sind froh, anschließend endlich auf den Bikes zu sitzen und wieder auf der Straße zu sein. Schon der erste Eindruck der Lofoten ist atemberaubend. Kaum haben wir ein kleines Fischerdorf passiert, tut sich eine Bucht auf, die so gar nicht in das bisherige Norwegenbild passt. Weißer Sandstrand und türkises Wasser. Verrückt. Wunderschön. Wenig später landen wir auf einer Hauptverbindungsstraße zwischen lauter Wohnmobilen und Autos. Die Landschaft wird von Nebel verdeckt und es geht erst einmal nur geradeaus. Hinzu fängt es an zu regnen. Der Wind wird immer stärker und teilweise ist es schwer, das Motorrad gerade zu halten. Ich versuche es wie immer positiv zu nehmen und als Herausforderung zu sehen. Die Tour scheint sich ja etwas dabei gedacht zu haben, also ziehen wir auf der Fähre, die uns von Fiskeböl nach Melbu bringt, den Regenkombi über und nehmen bei nächster Gelegenheit eine kleine Nebenstraße direkt an der Küste. Es soll sich lohnen. Feinste Kurven schlängeln sich nun durch die Ebenen. Die Heidis, unsere grobstolligen Reifen, machen auch bei Nässe ein gutes Bild und die Bikes werden trotz voller Beladung ordentlich in die Schräge gepresst. Wir machen Kilometer für Kilometer und lassen uns vom Boxer und Twin in den nördlichen Teil der Vesteralen bringen. Alles um uns herum wird immer beeindruckender und mir wird klar, warum die Lofoten solch ein Traumziel vieler Reisender sind. Im Nebel ist Vieles nur schwach zu erkennen und lässt die herausragenden Massive fast unheimlich erscheinen. Immer wieder treffen wir auf filmreife Kulissen.

Die Lofoten.

Die Lofoten.

Unterwegs rufe ich bei einer Agentur an, die Whalewatching vom Kopf der Insel aus anbietet. Wäre es nicht fantastisch, mit einem Boot von dieser Hochseeinsel raus aufs offene Meer zu fahren, um die größten Tiere des Planeten einmal in freier Wildbahn zu sehen? Die Frau sagt mir, es seien noch zwei Plätze morgen früh unbesetzt und wir sollen um 9 Uhr auf der Matte stehen. Solange der Wind nicht zu stark wird, fahren wir raus in Richtung ewiges Eis. Dort sollen um diese Jahreszeit Gruppen von Orcas und Pottwahlen anzutreffen sein. Wow.

Unser Camp für heute Nacht

Unser Camp für heute Nacht

In Stö angekommen, befahren wir ein paar Stunden später eine kleine, schottrige Küstenstraße bis zum Ende. Hier gibt es nur noch Moos, etwas Gras und vor allem Felsen. Wir schlagen unsere Zelte auf. Der Wind ist brutal und weht fast alles von der Bildfläche, das nicht am Boden angenagelt wird. Zum Glück haben wir eine Axt dabei, die nun als Hammer zum Einschlagen der Heringe dient. Zusätzlich müssen Steine herhalten, um die Zelte zu beschweren. Einmal fliegt Bastis gesamtes Zelt durch unser Camp und reißt einfach mal alle Heringe mit aus. Der Arme – hat doch schon seine Isomatte (Anja würde sagen „Knackmatte 😉 ) heute Morgen den Geist aufgegeben.

Im Rücken unseres Camps befindet sich eine ca. vier Meter hohe Felswand. Ich erklimme sie und mir stockt fast der Atem. Die Aussicht ist wunderschön. Ich beschließe, mich gegen 00:00 Uhr hier auf diesen Fels zu setzen und auf die Mitternachtssonne zu warten. Jetzt gerade koche ich heißen Tee. Basti geht bereits schlafen und ich hoffe, ich halte im kalten Wind noch eine Weile aus.

Morgen werden wir Wale sehen.

Blick vom Camp aus. Atemberaubend schön!

Blick vom Camp aus. Atemberaubend schön!

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5.7.2013: – Ägärd – Geitvagen ( 2796 km m.d.M. )

Es sollte ein Rennen mit der Zeit werden.. und wir haben es verloren. Wer hätte gedacht, dass es doch noch so lang bis Bodö ist? Wir zumindest nicht, denn wir wollten früh von der Insel und entsprechend zeitig am Hanger stehen, um die Fähre nach Moskenes zu nehmen. Natürlich kam alles anders. Aber von vorn..

Es ist 3:17 Uhr: ich werde wach, denn es fängt an zu regnen. Gestern war Waschtag und alle Kleider hängen noch immer draußen an der Leine. Wenn wir die nächsten Tage nicht mit ständig feuchtem Textil in der Packrolle herumfahren wollen, müssen wie die noch klammen Shirts und Socken schnell in Sicherheit bringen. Wir in Trance hängen wir alles ab und verstauen es schnell unter der Apside des Zelts. Übrigens eine verrückte Sache, dies bei absoluter Helligkeit zu dieser Uhrzeit zu tun.

Überquerung des Polarkreises - ein epischer Moment!

Überquerung des Polarkreises – ein epischer Moment!

Es ist 6:31 Uhr: Ich erwache erneut. Das Zelt bebt und schüttelt sich gewaltig. Es prasselt aus Kübeln. Monsunartig ergießt es sich über unsere Behausungen. Ich überprüfe unter Mühen alle Heringe und vor allem die Sachen unter dem Vorzelt. Scheint zu halten. Ich schlafe nochmal ein und erwache erneut etwa eine Stunde später. Immer noch regnet es enorm. Herjee – wir sollen wir das Zelt bloß bei diesem Wetter zusammenpacken? Es dauert noch zwei weitere Stunden, bis Petrus den Hahn halbwegs abdreht. Das Gras platscht unter meinen Stiefeln. Alles überflutet. Wir warten noch etwas ab und siehe da: die Sonne lässt sich blicken. Also schnell raus aus dem Zelt und mit dem Abbau beginnen.

Eine halbe Stunde später stehen wir in einer offenen Küche in der Nähe und bekommen frisch gefangen und gebratenen Fisch einer netten Dame polnischer Nationalität angeboten. Bei aller Zeitnot können wir diese Offerte nicht ablehnen.

die Tour hinterlässt Spuren...

die Tour hinterlässt Spuren…

Um ca. 11 Uhr geht es endlich rauf aus Bike – viel zu spät, aber wir wollen es dennoch versuchen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Wir nehmen die erste Fähre und landen in Nesna. Es ist wieder leicht regnerisch und Basti streift seine Regenkombi über. Während ich so hinter ihm hertrotte, wird mir klar, dass sich meine Einstellung zur Situation grundlegend geändert hat. Eine gewisse Akzeptanz stellt sich ein, fast schon ein Art des Genießens. Die Straße ist nass, auf meinem Visier perlen die Tropfen, der Wind zerrt an meinem Bike und meiner Kleidung, aber mir ist warm. Ich blicke hinaus auf die fantastischen Formationen von Wasser, Felsen, schneebedeckten Gipfeln, Fjorden und Wäldern und merke, dass ich mehr und mehr selbst Teil von dem Ganzen hier werde. Die Tour hat längst das Kommando übernommen und ich lasse mich mittreiben.

Am Ende der Insel passieren wir Kilboghamn und steigen auf die Fähre. Ein besonderer Moment auf dem Wasser steht an: die Überquerung des Polarkreises. Als es dann soweit ist, bleibt zwar jedes Feuerwerk aus, für mich ist es aber dennoch ein wichtiger Punkt auf unserer Reise. Von nun an bleibt die Sonne nur noch oben, von nun an haben wir die Heimat komplett hinter uns gelassen und haben nur noch eins vor Augen: das Kapp!

...auch am zweitbesten Bike der Welt... ;)

…auch am zweitbesten Bike der Welt… ;)

Vorher sollte es auf die Lofoten gehen, die berühmten Lofoten. Tatsächlich wird aber eine weitere Fähre später die Zeit knapp und knapper. Ein Tankstopp zwingt uns zur Aufgabe: Wir werden es nicht rechtzeitig schaffen. Etwas Frust macht sich breit.

Wir beschließen die E17 weiter bis Bodö zu fahren, uns Informationen und gegebenenfalls Tickets für die 4-stündige Überfahrt zu holen. Danach verlassen wir die Stadt wieder gen Norden und steuern einen Nachtplatz vor den Toren Bodös an. Es wird eine kurze Nacht werden… aber wir haben unds Bier gegönnt! Morgen um 10:15 Uhr geht die Fähre.

 

 

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Ägärd – Levang ( 2491 km m.d.M. )

Warten auf die Fähre... bestimmt 5 oder 6 Mal heute.

Warten auf die Fähre… bestimmt 5 oder 6 Mal heute.

Countryside

Countryside

Als Inselhopping könnte man unseren Tag zusammenfassen. Die Sonne lacht uns entgegen, als wir auf der legendären E17 gen Norden fahren. Diese Straße soll uns die nächsten zwei Tage bis Bodö begleiten und wir schließen auch schnell Freundschaft. Nun könnte man denken, dass man in Norwegen nur gerade aus fährt und es mit maximal 80 Klamotten in der Stunde wenig Spaß macht, die Kilometer zu reißen. Doch völlig Banane daneben: die schier unendlich lange Verbindung zahlreicher Inseln und verschiedenster Landschaften könnte abwechslungsreicher, ja sogar kurviger, kaum sein. Über Stunden lassen wir den Motor singen und tanzen mit den Bikes über den rauen Asphalt. Zeitweise treffen wir hier 30 Minuten lang kein anderes Fahrzeug.

Nach einigen Stunden und sage und schreibe 420 Km mit einer Tankfüllung steht die erste Fährfahrt von Holm nach Vennesund an. Zum ersten Mal schnuppern wir echte Meeresluft abseits der großen Fjorde und bekommen eine steife Brise in die Frisuren. So geht es weiter: von Insel zu Insel. Immer wieder durch kaum bewohnte Gebiete, über teilweise schlechte bis sehr schlechte Straßen. Auf einer besonders kleinen Insel machen wir Rast und ich zaubere ein feines, schleimiges Risotto für uns an unserem Privatstrand. Wir genießen die Einsamkeit, machen ein paar Aufnahmen für unseren Film und fahren weiter. Inzwischen hat sich die Landschaft schon wieder gewandelt. Wer hätte tatsächlich gedacht, dass es so hoch im Norden noch solche Berge gibt!?

Ab ins Bettchen..

Ab ins Bettchen..

Wir waren zwar beide noch nicht in Kanada, doch sieht so mancher Ausblick unserer Vorstellung vom Ahornland ziemlich ähnlich. Wir kommen gut voran, nur die Fähren bremsen unseren Zug nach oben. Kurz vorm Hafen nach Nesna stoppen wir und biegen in einen steilen Schotterweg ab. Er führt uns zu unserer heutigen Ruhestätte auf einer großen Wiese im kleinen Fischerörtchen Levang. Nach Bodö sind es noch reichlich Meilen – der Puls steigt, wenn alles nach Plan läuft, setzen wir morgen auf die Lofoten über. Die Lofoten!

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ca. 10 Kilometer vor Eresfjord – Ägärd ( 2172 km m.d.M. )

Morgens im Camp...

Morgens im Camp…

Es sollte ein Tag der Gegensätze werden. Schon gegen 6:30 Uhr springe ich aus dem Schlafsack. Unser Motto: „Sleeping rough on the road“ bekam in der Nacht eine ganz neue Bedeutung. Der Boden hier im Gebirge ist steinhart und ohne gute Matratze kaum erträglich. Was mich aber wirklich aus den Federn reißt, ist die enorme Hitze. Wie kann das sein um diese Zeit mitten in den Bergen? Ein Blick aus dem Zeltausgang genügt, die Sonne ballert in unser Camp aus blaustem Hause. Die Belohnung für unseren Mut bei unklarer und kalter Wetterlage hier zu übernachten.

Später sitzen wir mit Kaffee in unserem Camp und besprechen die heutige Route. Gewaschen wird direkt im Bergbach und gegen 9 Uhr verlassen wir mit unseren Bikes das Nachtlager.

Bis zur Fähre in Rykkjem, die uns nach Kvanne bringen soll, umfahren wir den idyllischen Sunndalsfjorden und setzen die Reise nach Norden fort. Auf der 65 gelangen wir nun weiter Richtung Trondheim, biegen aber zuvor auf Nebenstraßen ab, damit wir den Stadttrubel soweit wie möglich umgehen. Das erste Mal steht eine anspruchsvollere Schotterpassage auf dem Plan. Die BMWs zeigen, dass sie auch Abseits der Straße voran kommen können. Bei Melhus gelangen wir zwangsweise auf die E6, eine Art Autobahn. Wir sehen keine andere Möglichkeit und nehmen die nächste Strecke zwischen LKWs und Wohnmobilen in Kauf. Viele Kilometer folgen wir der norwegischen Verkehrsader schlechthin und kommen gegen 18 Uhr abends auf die E17 – unser Tagesziel. Der Hintern schmerzt und wir wollen endlich unsere Zelte aufschlagen, aber es bietet sich nichts an. Eine Dusche nach drei Tagen wäre schon nett. Das Wetter hat sich gehalten, teilweise zeigte das Thermometer über 27 Grad an. Auch jetzt gegen kurz vor 21 Uhr ist es nicht nur taghell, sondern auch immer noch überraschend warm.

Warten auf die Fähre

Warten auf die Fähre

 

Wir müssen noch eine Weile auf derE17 fahren, die Sonne im Rücken, und erreichen einen abgelegenen Campingplatz. Etwas verschroben ist es und an ein Hillbilly Camp erinnert das Lager, vor allem der Chef hier . Wir aber sind heilfroh, eine warme Dusche zu bekommen und unsere Wasser- und Kraftreserven für die nächsten Tage aufladen zu können. Eine Menge Asphalt passierte heute unsere Pneus – halb Norwegen haben wir inzwischen hinter uns gelassen. Das Kap rückt spürbar näher.

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Byrkjelo – ca. 10 Kilometer vor Eresfjord ( 1762 km m.d.M .)

Der Geiranger Fjord

Der Geiranger Fjord

Ich wache wieder früh auf. Die Helligkeit ist so verwirrend für den Körper, dass ich mehrmals nachts den Kopf hoch zum Fenster hebe und anschließend die Uhrzeit überprüfe. Um 7 Uhr scheint blauer Himmel durch das Fenster. Grund genug, um aufzustehen. Mein Geklimper mit dem Kochgeschirr weckt Basti, so dass wir etwa eine halbe Stunde später mit dem Kaffee auf der Veranda unserer Hütte stehen und einen kleinen Plausch mit dem Nachbarn, einem sympathischen Lehrer in Pansion aus Ost-Holstein, führen. Er hat das „Spritproblem“ hier in Norwegen auf seine eigene Weise gelöst und sich eine Dosenmaschine gekauft, mit deren Hilfe er literweise Alkohol in Tomatendosen füllt und ins Baltikum schmuggelt. Guter Mann. Ein anderer Campbewohner, der mit seinem Bike auf dem Weg nach Süden ist, schwärmt vom guten Wetter, das seine Gruppe bis am Tag zuvor begleitet hat. Warum haben wir eigentlich nicht solch ein Glück?!

Trollstige

Trollstige

Trotz Kaffeklatsch schaffen wir es, zeitig die Pferde zu satteln und weiter Richtung Norden zu fahren. Die E60 bringt uns nach Stryn, wo wir die falsche Richtung einschlagen und zu weit nach Osten driften. Leider fällt uns das erst eine ganze Zeit später auf und befinden und einige Stunden später am östlichen Rand des Geiranger Fjords. Umkehren wäre fatal, also beschließen wir die Fähre durch den gesamten Fjord zu nehmen. Eine gute Entscheidung, wie sich zeigen wird, denn die Aussicht vom Schiff ist gnadenlos beeindruckend. Welch eine Natur, die sich da von links und rechts die steilen Felsen bis zum Wasser herunter räkelt. Riesige Wasserfälle treffen auch überraschend fruchtbaren Boden am Fuße des Fjords, wo Obstbäume stehen. Diesen Ort hätten wir mit den Motorrädern niemals zu Gesicht bekommen. Zwischendurch überholt uns das berühmte Postschiff „Hurtigruten“. Nach ca. einer Stunde erreichen wir das westliche Ende und damit das Örtchen Geiranger. Hier liegen mehrere Kreuzfahrtschiffe, unter anderem die Aida, vor Anker.

Kaum von Bord lassen wir uns wie auf einem Korkenzieher die Serpentinen hochziehen, bis wir letztlich nochmal am Kopf des Fjords Rast machen. Wir kämpfen uns zwischen den Touristen durch und erhaschen einen letzten Blick auf den berühmten Flecken. Wow! Türkises Wasser zwischen filmreifen Felsmassiven.

...Troll getroffen.

…Troll getroffen.

Weiter geht es – immer weiter. Wir überfahren mehrere Pässe auf über 2500 Metern und gelangen anschließend nach Eidsal, von wo aus wir mit der Fähre nach Linge übersetzen. Was nun kommt, gehört zu den absoluten Highlights der bisherigen Tour: Trollstige. Dort, wo der Sage nach die Trolle bei Nebel anzutreffen sind, treffen wir auf die berühmte Abfahrt, die den Vergleich mit dem Stelvio in den Alpen kaum zu scheuen braucht.

Von einer Aussichtsplattform gibt es zunächst einen Überblick über das, was uns gleich erwartet. Mehrere Hände voll 180° Kurven den steilen Berg hinab, schlängelt sich die Straße vorbei an einem hochhaushohen Wasserfall und frisst sich bis an den Horizont ins Tal. Das Beste daran ist, dass es im Vergleich zum Stilfser Joch geradezu menschenleer ist.

Wir erreichen die Stadt Andalsnes, kaufen ein paar Dinge für den Abend und nutzen den noch frühen Abend, um den Tageskilometerzähler noch etwas zu pushen. Als wir den Parkplatz über eine schottrige Auffahrt verlassen wollen, rutscht mir der rechte Fuß auf den Steinen weg. Keine Chance, die sicher annähernd 300 kg schwere Maschine zu halten. Dafür sind diese ganzen Schutzverkleidungen also gut – es geschieht nämlich nichts, außer dass sie kurz auf dem Koffer und dem Schutzbügel aufliegt. Ich schaffe es sogar, das Bike allein wieder aufzurichten.

Lieber nicht herunter sehen :)

Lieber nicht herunter sehen :)

Die Fahrt um den Langfjorden gestaltet sich als Zitterpartie. Immer wieder ziehen dunkle Wolken über uns hinweg. Wir hoffen den bisher regenfreien Tag so fortsetzen zu können und halten bereits nach einem Nachtquartier Ausschau. Nach einer teuren Hüttenübernachtung und der kostspieligen Fjorddurchfahrt wollen wir zum Einen Geld sparen und zum Anderen endlich das Abenteuer, das wir uns von zu Hause aus immer vorgestellt haben: wildes Camping inmitten der Natur. Ich bin überglücklich, dass sich Basti darauf einlässt und muss an dieser Stelle sowieso einmal bemerken, dass sich der ehemals camping-feindliche junge Mann langsam zum Rüdiger Nehberg mausert.

Feuer machen für die Nacht.

Feuer machen für die Nacht.

Wir durchfahren einige kleine Orte, können aber nichts Passendes finden. Es geht wieder steil hinauf und wir passieren einen Pass auf etwa 500 Meter Höhe nahe Eresfjord. Hier schlagen wir unsere Zelte auf. Etwas abseits der Straße finden wir Schutz an einem Bergbach und errichten unser Camp.

Etwa 20 Minuten später sitzen wir an einem kleinen, störrischem Lagerfeuer und kochen uns heißes Bulgur-Kessel. Wir trinken ein paar Bier, aus finanziellen Gründen die letzten für diese Woche, und sitzen noch eine Weile in völliger Stille.

Morgen geht es weiter – nach Norden. Unser Ziel ist die E17, eine schon fast legendäre Küstenstraße, auf der u.a. zahlreiche BMW Werbefilme gedreht wurden.

Dudes..!

Dudes..!

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1.7.2013 Lofthus – Byrkjelo ( 1499 km m.d.M. )

Auf 2400 Meter - am 1. Juli - mitten im Schnee.

Auf 2400 Meter – am 1. Juli – überall liegt noch Schnee.

Die Sonne hat uns hat uns wieder verlassen. Tiefe Wolken stehen über dem Fjord als ich die Nase das erste Mal aus durch den Zelteingang strecke. Kleine Wasserperlen sammeln sich auf dem Außenzelt. Langsam kommen wir in Gang. Die letzten Tage auf den Bikes und die Klettertour zum Kjerag verlangen ihren Tribut.

SAMSUNG

… auf dem Wasserweg.

Bei leichtem Nieselregen folgen wir der engen Straße entlang des Wassers und folgen der E13 Richtung Brimnes, von wo aus uns eine Fähre auf dem Wasserweg nach Bruravik bringen soll. Das Fährsystem in Norwegen funktioniert klasse, wahrscheinlich ist es auch die einzige Möglichkeit, die Infrastruktur irgendwie in Gang zu halten. Es geht weiter. Wir lassen die BMWs ordentlich Kilometer fressen und erreichen ein paar Stunden später Vangsnes. Im Fährhafen lernen wir einen Mann aus Kiel kennen. Er ist schon einige Male hier gewesen und lässt sich, wie wir, nach Norden treiben. Auch zwei Männer aus Tschechien erzählen von ihren Plänen, die Lofoten zu besuchen. Seit Beginn unserer Reise, und insbesondere seitdem wir in Norwegen sind, lernen wir täglich neue Menschen kennen. Die Motorräder scheinen ein idealer Kontaktmagnet zu sein. Schnell tauscht man sich aus: „von wo, wohin, seit wann, wie lange noch, gute Fahrt…“. Immer wenn wir von unserem Plan berichten, bis ans Kap fahren zu wollen, bekommen wir die gleiche Antwort: „Da habt ihr euch aber was vorgenommen“ oder „Lot of Kilometers from here..“.

Die nächsten Stunden wird der Regen stärker und wir beschließen, die Regenkombis erneut überzustreifen. Es prasselt und gießt anschließend richtig. Die Landschaft entschädigt: wieder wechseln sich Schnee- und Felslandschaften mit grünen Tälern jenseits von Wasserfällen und Flüssen ab. Inzwischen haben wir uns fast an den Regen gewöhnt, fragen uns aber um 17 Uhr, wo wir bei dem Regen bloß unsere Zelte aufschlagen sollen. Plötzlich macht der Regen eine Pause und vor Bastis GS türmt sich eine beeindruckende Felsformation auf. Eine mächtige Gletscherzunge ragt zig Meter herab. Kaum haben wir die Bikes abgestellt, um ein paar Fotos zu machen, hält ein Bus voller Asiaten neben uns. Sofort springen 40-50 Menschen heraus und halten ihre Tablets und Camcorder in die Luft. Als mich eine ältere, japanisch aussehende Dame fragt, ob ich ihr beim Fotografieren helfen könne, sage ich selbstverständlich zu. Völlig verblüfft bin ich aber, als ich merke, dass ich kein Foto von ihr und ihrem Mann machen solle, sondern, dass ihr Mann ein Foto mit mir (!) knipsen soll. So schnell wird man also zur Attraktion mit einem dreckbesudelten Motorradanzug. Als Basti noch mit ins Bild springt und die kleine Frau in die Mitte genommen wird, ist ihr Tag scheinbar gerettet. Ziemlicht seltsam, aber eine skuril – lustige Situation für uns.

Später, als wir Byrkjelo erreichen und der Regen noch stärker wird, kommt der Gedanke auf, eine Hütte zu buchen. Natürlich ist eine Günstige schon ausgebucht und wir diskutieren, ob wir uns die teure Hütte leisten wollen. Ich gebe letztlich nach und Basti Recht, dass es für heute das Beste ist, die Hütte zu nehmen. Wenn schon, denn schon sagen wir uns und kaufen im Supermarkt einen Sechser Bier für ein halbes Vermögen. Heute sind wir Könige. Könige bis morgen, denn dann geht es weiter. Immer nordwärts.

Zwei grandiose Ziele stehen auf dem Plan: der wunderschöne Geiranger Fjord und … der berühmte Pass Trollstigen. Unsere Nachbarn kommen von dort und sprachen von feinstem Wetter. Auch hier lichtet sich gerade die Wolkendecke….

2013-07-01 11.35.34

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